Strahlende Schönheit mit langen Schatten

Von Danzig nach Stutthof

Autorin: Petra Daniela Stein

Puh... das kann ich mir unmöglich alles merken, denke ich bei mir, während ich abwechselnd meinen leeren Magen mit Kaffee und mein müdes Gehirn mit endlos langen Informationstexten aus dem Internet zuschütte. Es ist 8 Uhr morgens. Ich sitze noch beim Frühstück in meinem Wohnmobil. Draußen nieselt es leicht. Und ja: ich habe schon wieder unfassbar viele Pläne!

Ganz oben auf meiner To-Do-Liste steht Danzig. Hansestadt. Großstadt. Zerbrochene Stadt. Fenster zur Welt? Irgendwie scheint es da ziemlich viele Meinungen zu geben. Mein Recherche-Partner Dr. Google zeigt mir die Spannweite mehr als deutlich auf. Ob ich den Charakter dieser Stadt an einem Tag erfassen kann? Ich werde es versuchen.  Eins nach dem anderen. Das Wichtigste zuerst: ich muss in dieser unbekannten Stadt, in der fast eine halbe Million Menschen leben, einen ordentlichen Parkplatz für mein Wohnmobil finden. 

Ich gebe zu, dass ich oft einfach volle Kraft voraus fahre und das Beste hoffe. So war es 2012 - als ich mit meinem dickbepackten, übergroßen Wohnmobil in das Zentrum von London gefahren bin. Ohne Navi. Ohne Plan. Ohne alles. Einfach drauf los. Mal gucken, was passiert. Oder als ich das lange Elend im selben Jahr durch die kleine Küstenstadt St. Ives in Cornwall manövrierte und plötzlich merkte: "Hui, ganz schön eng die kleinen mit Kopfstein gepflasterten Altstadt-Wege. Und leider keine Wendemöglichkeiten - nachdem ich mein Gefährt mit rund 20 Zügen um eine schmale 90-Grad-Kurve gewunden habe." Ich muss über mich selbst schmunzeln. Tja, das sind so die kleinen Abenteuer, auf die ich es regelmäßig anlege und die für mich das Wohnmobilfahren erst spannend machen. Das Ding muss Rollen! Nur keine Angst vor der Freiheit! Alles wagen! Auf geht's!

Danzig in 90 Minuten

Innerlich bin ich auf jedes noch so komplizierte Fahrmanöver im dichten Großstadtdschungel eingestellt. Doch leider verläuft die Anreise recht unspektakulär. Im Nu bin ich im Zentrum. Und peng, da ist schon ein großer, komfortabler Parkplatz. Ich muss nicht mal die Seitenspiegel zum Einparken benutzen. Wie langweilig! Dafür stehe ich jetzt direkt vor der Hala Targowa, der großen Markthalle Danzigs. Drei Stockwerke voll mit Krimskrams - von Söckchen über Schuhe bis Schmuck. Alles zu unglaublich günstigen Preisen. Und daneben ein großer Erzeugermarkt mit frischem Obst und Gemüse. Ja... das ist aufregend! 


Schade nur, dass ich nicht so viel Zeit mitgebracht habe. Eine halbe Stunde stürze ich mich in das Shopping-Getümmel, kaufe mir Erdbeeren und ein paar bunte Socken. Dann packt mich das schlechte Gewissen. Danzig hat sicher sehr viel mehr zu bieten als diesen - wenn auch sehr schönen - Plünn-Markt. Die Geschichte und Kultur der Stadt möchte ich gerne erfassen. Nur wie? An nur einem Tag. 

Noch während ich mir die Frage stelle, sehe ich die Antwort schon vor mir stehen. Ein kleines Elektrofahrzeug mit zwei sympathisch lächelnden Männern darin. "Stadtrundfahrt" steht auf einem Aufsteller daneben. Warum eigentlich nicht? Die beiden sprechen sehr gut Deutsch. Ich handle den Preis auf die Hälfte runter. Und schon kann es losgehen. Die Highlights Danzigs in 90 Minuten. Ich bin gespannt. 


Wir stoppen an der ersten Kirche - Katharinenkirche. Im Zweiten Weltkrieg abgebrannt, jetzt wieder völlig rekonstruiert. Okay, alles klar. Die zweite Kirche - Brigittenkirche. Interessant, weil es einen beeindruckenden Bernsteinaltar darin gibt. Mhm. Gut. Lass ich mir auch noch gefallen. Aber als Adam die dritte Kirche ansteuert, protestiere ich. Ich steh nicht auf Kirchen. Da bin ich ganz wie mein Opa. Religionen, egal welcher couleur, sind mir suspekt. Ich verlasse mich lieber auf mein Herz und meinen Verstand als auf irgendeine Art von Doktrin. Deshalb passe ich nicht in Gotteshäuser. Punkt. 

Zum Glück hat Adam mehr Ideen als eine Kirche nach der anderen zu präsentieren - obwohl Danzig ja berühmt sei für die herrlichen alten Kirchen, wie er nochmal betont. Sei's drum...

Ich entscheide mich lieber für Geschichte, Kunst und Kultur - und Adam legt los. Wir fahren in die Altstadt und ich sehe die so genannte alte Post. Ein Ort mit blutiger Vergangenheit. Ausgerechnet hier fanden 1939 die ersten Kampfhandlungen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und Polen stattfanden. Wow... Hier nahm das Grauen also seinen Anfang. Nur lange darüber nachdenken kann ich nicht.


Vom Zankapfel zur zauberhaften Metropole

Adam hat offenbar einen nervösen Fuss. Kaum habe ich ein Foto gemacht, gibt er schon wieder Gas. Es geht weiter entlang farbenfroher Fassaden und herrlicher Handelshäuser. Dazwischen - Moment, was ist das... Ein alter Führer-Bunker? Tatsächlich. Noch gut erhalten. Doch heute ist es eine Disco, erklärt mir Adam. Danzig ist voll davon. Von diesen unwillkürlichen Gegensätzen, die von einer mehr als bewegten Geschichte zeugen. Schönheit und Glanz auf der einen Seite - die Überreste einer unbarmherzigen Vergangenheit auf der anderen Seite. Und der Höhepunkt in diesem Konglomerat der stillen Zeitzeugen ist sie: die ehemalige Danziger Schiffswerft. Drei Säulen ragen weit in den Himmel und erinnern an die Solidarność-Bewegung, die hier ihren Anfang nahm. Hier entschieden sich 1980 tapfere Männer für Gerechtigkeit, Demokratie und das Ende des Kommunismus in Polen zu kämpfen. Sie hatten Erfolg!

Plötzlich verstehe ich, was der Historiker Frank Fischer meinte, als er Danzig die "zerbrochene Stadt" taufte. Die Hansestadt an der polnischen Ostsee erlebte in ihrer tausendjährigen Geschichte Höhen und Tiefen wie kaum eine andere Stadt in Europa. Immer wieder war sie Zankapfel rivalisierender Mächte und Schauplatz für erbitterte Kämpfe, große Ideologien und Freiheitsbewegungen. Doch der eigentliche Grund, warum ich hier bin, ist ein anderer. Danzig ist Sinnbild für den im Zweiten Weltkrieg verlorenen deutschen Osten - es steht für die "alte Heimat" meiner Großeltern, für die Ländereien, aus denen sie flüchteten oder vertrieben wurden.

Die Schatten der Vergangenheit

Als ich die Stadt verlasse, ist es schon später Nachmittag und ich bin schwer am überlegen, ob ich mir den letzten Programmpunkt des Tages noch antun soll. Auf meinem Zettel steht eine historische Einrichtung, die ich bislang immer gemieden habe. Ich wollte mich während der Schulzeit nicht recht damit beschäftigen. Als ich später Geschichte studierte, wählte ich ganz bewusst andere Schwerpunkte - und auch jetzt habe ich wieder dieses unbehagliche Gefühl, wenn ich nur daran denke. Es geht um das Thema "Konzentrationslager". Ich weiss, dass der Mensch viel viel grausamer sein kann als jedes Tier. Ich weiss, was Hitlers Regime getrieben hat. Sogar ziemlich detailliert. Doch der Grund, warum ich nie in einem Konzentrationslager war und mir die Abartigkeiten vor Augen führen ließ, ist ein anderer. Es macht mich wütend und traurig, dass es so viel Dummheit gibt auf dieser Welt. Ich meine, nicht früher. Sondern jetzt. Hier und heute. In diesem Augenblick. Es gibt so viele Menschen, die nur nach Macht und Geld streben und dafür über Leichen gehen. Und Millionen von Menschen, die damit konform gehen, die ihre Gehirne nicht anstrengen, die sich keine vernünftige Meinung bilden, die sich treiben und formen lassen wie Knetmasse... die mitmachen! Ja, die mitmachen. Beim täglichen Wahnsinn. Ganz selbstverständlich. Unter dem Deckmäntelchen der "Demokratie", des "Konsums", des "Selbstschutzes", der "Religion"... was auch immer.

Hitler war ein Teufel. Doch kaum jemand hat das erkannt. Weil er schöne Kleider trug und den Menschen alles versprach. Aber wir wären besser beraten, würden wir die Konzentrationslager ruhen lassen und uns den Teufeln der Gegenwart und den Teufeln in uns selbst widmen. So viele Jahrzehnte nach Hitler sehe ich kaum mündige Bürger auf dieser Welt. Nur Massen, die sich mit Psychologie und allerlei Tricks lenken und führen lassen und ihre Seelen dabei verkaufen - für ein bisschen "persönlichen" Erfolg, ein Fünkchen "dazu gehören", irgendeine politische, religiöse oder marktwirtschaftliche Doktrin oder noch viel schlimmer: für irgendwelche Konsumgüter oder Besitztümer, die sie am Ende ihres Lebens ja doch nicht mit in ihr Grab nehmen können.

Nein, ich brauche keine Konzentrationslager, um zu verstehen, wozu der Mensch fähig ist. Das erkenne ich jeden Tag. Und dennoch sehe ich mir jetzt - ausnahmsweise - das KZ Stutthof, nur 37 Kilometer östlich von Danzig, an. Warum? Weil mein Opa drei Jahre lang in so genannten "Außenlagern" von Stutthof leben musste. Und bis heute bin ich mir nicht sicher, was das zu bedeuten hatte.

Mein Opa wurde von 1941 bis 1943 zum "Arbeitseinsatz heran gezogen". So steht es in den Unterlagen. Das heißt vermutlich, er wurde von deutschen Soldaten aus seiner Heimat Litauen geholt und musste fortan zu ihren Diensten stehen - in deutschen "Arbeitslagern".  Denn der Begriff "Konzentrationslager" wurde für solche Einrichtungen erst viel später vom NS-Regime eingeführt. 

Ich habe viel gelesen, über die früheren "Arbeitslager" und die "Ausländer", die hinein gesteckt wurden. Nicht nur Litauer, auch Polen, Franzosen, Russen, Italiener, Kroaten... In allen Ländern, die Hitler besetzte, nahm er sich "Arbeiter". Mein Opa gehörte aufgrund der Zeitspanne zwischen 1941 und 1943 mit Sicherheit zu denen, die die Aufgabe hatten, diese Lager weiter auszubauen - für mehr Arbeiter, mehr Gefangene, mehr Grausamkeiten.

Ich weiß nicht, wie schwer das Leben für ihn gewesen sein muss - in dieser Zeit. Ich weiss nur, dass mein Opa zwischen 1941 und 1943 kein freier Mensch mehr war. Er lebte in Baracken, umgeben von Krankheit und Tod, und hatte körperlich harte Arbeiten zu verrichten. 


Bis heute ist mir ein Rätsel, warum man ihn 1943 wieder entließ und er in seine Heimat Litauen zurück kehren durfte. Hatte er sich besonders angestrengt und sich "gut geführt"? Hatte man ihm bescheinigt, dass von ihm keine Gefahr ausging, dass er kein Oppositioneller war, kein Aufwiegler? Oder war der "Arbeitsdienst" einfach beendet und man brauchte ihn nicht mehr? 

Ich hätte ihn fragen sollen als er noch lebte. Jetzt werde ich die Antwort vielleicht nie erfahren. Aber eins ist mir heute wieder klar geworden: wo Licht ist, da ist auch Schatten. Und wo Schatten ist, da ist auch Licht. Man muss die Augen und das Herz weit aufmachen, um auf der richtigen Seite zu stehen. Ohne Kompromisse. Immer!

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Kommentare: 2
  • #1

    Tanja (Donnerstag, 14 Juli 2016 19:51)

    Danke, ist wieder sehr schön geschrieben! Und für unseren Besuch in Danzig nächste Woche konnte ich mir direkt Inspiration holen!

    Ich finde den Erhalt der Konzentrationslager übrigens wichtig. Du kannst über die Schrecken des NS-Regimes Dokus zeigen und in Schulen unterrichten. Doch den Ort des Schreckens zu sehen, das ist wieder etwas ganz anderes. Wir waren vor zwei Wochen in Auschwitz. Jeder sollte da mal hin. Wie gerne würde ich da mal mit einer Gruppe Neo-Nazis hin. Sie mögen dumm sein, aber das was es dort live zu sehen gibt, das könnten nichtmal die verleugnen. Oder rechtfertigen. Aufklärung bekämpft Dummheit, die Hoffnung darauf stirbt zuletzt.

  • #2

    Petra Daniela (Donnerstag, 14 Juli 2016 21:51)

    Liebe Tanja, ich danke Dir für Deinen Kommentar! Ich freue mich sehr, dass Du meine Reise mitverfolgst und daran Anteil nimmst. Und natürlich hast Du Recht! Der Erhalt der Konzentrationslager ist wichtig - schon allein aus didaktischen Gründen! Du bringst es auf den Punkt: "Aufklärung bekämpft Dummheit!". Das gefällt mir wirklich gut. Denn das ist auch meine Auffassung. Ich möchte es vielleicht um einen winzigen, aber womöglich entscheidenden Aspekt ergänzen: es bedarf der Aufklärung und der Fähigkeit, kognitive Transferleistungen zu erbringen. ;-) Herzliche Grüsse, Petra

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