Früher Feinde, heute Freunde

Mission Heimaterde nimmt unerwartete Wendung

Autorin: Petra Daniela Stein

Ich gebe zu, ich trödle mit voller Absicht in der Gegend herum. Der Gedanke, dass ich heute eigentlich "Omas Haus" in Niederschlesien finden möchte, bereitet mir Stress. Was ist, wenn ich versage? Was ist, wenn ich das Haus nicht finde, wenn es gar nicht mehr existiert? Und was ist, wenn doch? Kann ich es ertragen, den Ort zu sehen, an dem sie aufwuchs und an dem 1945 der grausame Doppelmord an ihren Großeltern geschah? "Szczytnica" steht auf dem Zettel, den ich nervös zwischen meinen Fingern hin und her wandern lasse. Szczytnica - wieder so ein Zungenbrecher! So heißt der Heimatort meiner Oma also heute. Ich schnippe das Stück Papier in das Handschuhfach meines Wohnmobils und starte den Motor. Szczytnica muss warten! Jetzt habe ich erst einmal die Berge im Blick.

Ich weiß nicht, ob meine Oma jemals im Riesengebirge war. Immerhin liegt es fast 100 Kilometer in südlicher Richtung von ihrem ehemaligen Wohnort entfernt. Doch ich erinnere mich noch gut an die Märchen, die sie mir als Kind darüber erzählte. Dass ein Berggeist namens Rübezahl da leben würde. Mal trat er als Bewacher und Beschützer auf - mal als der Teufel persönlich. Oma war da sehr flexibel. Ich nehme an, dass sie ihre Geschichten dem Grad meiner Artigkeit anpasste. Ein Buch, aus dem sie ablas, hatte sie sowieso nicht. Alle Märchen, Fabeln, Geschichten und Gedichte, die sie mir in den schillerndsten Farben vortrug, waren direkt in ihrem Kopf abgespeichert oder entstanden erst dort. Sie hatte Phantasie wie keine andere und ein immenses literarisches Talent. In einem anderen Leben wäre sie vielleicht eine Schriftstellerin oder Autorin geworden - so wie ich.

Als wäre die Zeit stehen geblieben

Je näher ich den Bergen komme, desto mehr fällt mir auf, dass mich das ehemalige Niederschlesien landschaftlich doch sehr an Niederbayern erinnert - das Fleckchen Erde, auf dem meine Oma nach ihrer Vertreibung aus der alten Heimat landete und wo auch ich geboren wurde. Nur die Städte und Dörfer, die Häuser, die Menschen... das alles sieht doch sehr anders aus als bei uns in Bayern. Das frühere Niederschlesien wirkt als wäre die Zeit stehen geblieben. 

Längst nicht jeder hier hat ein Auto. Und das sieht man auch. In Polen geht man noch zu Fuß. Nicht nur innerhalb eines Ortes. Nein - auch weite Distanzen. Von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt. Größere Einkäufe werden mit dem Handwagen transportiert. Oder mit dem Fahrrad. Zum Mähen braucht man keinen Rasenmäher oder gar einen Rasenmäher-Traktor. Man nimmt einfach die gute alte Sense. Und statt Jeans trägt man Jogginghosen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und natürlich öffentlich! 


Um es kurz zu machen: Polen gefällt mir ausnehmend gut! Alles wirkt so normal, bodenständig und frei von Allüren. Hier muss keiner dem anderen beweisen, was er ist und was er hat. Man lebt einfach. Bescheiden und im Einklang mit der Natur. Nur die Straßen... die könnten wirklich besser sein. Mal abgesehen von den großen Fernverbindungsstrecken sieht es auf dem platten Land doch oft wüst aus. Schlagloch reiht sich an Schlagloch. Flickenteppich an Flickenteppich. Nicht nur die Stoßdämpfer meines armen Wohnmobils müssen leiden. Nach über einer Stunde Fahrt fühlen sich mein Rücken und meine Halswirbelsäule wie nach einem Schleudertrauma an. Aua!

Allerdings: die Aussicht des Städtchens, an dem ich ankomme, entschädigt mich für die mühsame Fahrt. Ebenso wie das dicke Eis, das ich mir gönne. Ich bin in Karpacz (früher: Krummhübel), einem der wohl bekanntesten Orte des Riesengebirges. Zum ersten Mal auf meiner Reise treffe ich hier andere Touristen. Gut, es sind keine Deutschen. Aber doch viele polnische Urlauber, tschechische und auch russische. Im Winter kann man hier wunderbar Ski fahren. Zumindest versprechen das die Werbeplakate an den Hotels. Spa und Wellness scheinen hier ebenfalls große Themen zu sein. Außerdem locken verschiedene Anbieter mit Ausflügen zur Schneekoppe, dem höchsten Berg des Riesengebirges.  

Da ich nur einen halben Tag bleiben möchte, entscheide ich mich für eine eher kurze Wanderung zur Stabkirche Wang. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil sie eine attraktive Lage einnimmt und außerdem etwas Besonderes darstellt. Es ist eine norwegische Stabholzkirche, die der preußische König Wilhelm Friedrich IV im Jahr 1841 kaufte und hier, in Karpacz, wieder aufbauen ließ. Was für ein verrückter Akt - für eine Kirche! Tja... Schön ist sie jedenfalls. Und die Aussicht - rüber zur Schneekoppe - auch. Ich versuche abzuschalten und einfach nur ein paar Minuten in der Sonne zu genießen. 


Als ich wieder auf die Uhr sehe ist es bereits 15 Uhr! In meiner Hand trage ich ein paar Plastiktüten - vollgestopft mit allerlei Klimbim, den ich auf der schnuckligen Einkaufsmeile im Ort erworben habe. An meinen Füssen: ein paar neue Sandalen für 4 Euro. Ja, es stimmt. Einkaufen in Polen ist wirklich supersupergünstig! :-) Doch Moment mal... hatte ich heute nicht noch was vor? 

Plötzlich frage ich mich nicht mehr, ob ich versagen könnte oder nicht, ob ich es gut ertragen werde oder schlecht. Ich fahre einfach. Schneller als erlaubt. Aber immer noch nicht so schnell wie die polnische Landbevölkerung. Egal, ob ich 20 oder 30 Stundenkilometer über dem angegebenen Limit liege. Ich werde überholt. Noch dazu von den klapprigsten Blechkisten, die man sich vorstellen kann. Aber im Moment ist mir das alles egal. Ich habe nur eins im Kopf: durchziehen! Ich bringe die Dinge, die ich angefangen habe, zu Ende!

Es ist bereits 17 Uhr als ich in Szczytnica, dem früheren Martinwaldau, ankomme. Meine Hände klammern sich fest um das Lenkrad während mein Blick die Hausnummern absucht. 173, 161, 113, 73... Zum Glück gibt es keine Straßennamen. Der Ort ist immer noch so klein, dass nur Hausnummern vorhanden sind, jedoch keine Straßenbezeichnungen. Allerdings: so richtig logisch sind die auch nicht angeordnet. Ich bin schon bei 9 gelandet, da werden die Hausnummern plötzlich wieder dreistellig. Wo ist meine 5? Ich steige aus und gehe zu Fuß weiter, schiele wie ein Spion in die Gärten, hinter Hecken und über Zäune. Bis ich sie entdeckte. Eine schöne, große, schwarze 5. Fast erschrocken trete ich ein großes Stück zurück. Das ist es also? Das ehemalige Haus meiner Oma? Hier ist sie aufgewachsen? Hier hat sie bis zu ihrer Vertreibung aus Niederschlesien gelebt? Hier geschah der Doppelmord an ihren Großeltern?


Beim Buddeln erwischt

Ich weiß nicht recht, was ich fühle und was ich tue. Plötzlich läuft alles wie in Zeitlupe ab. Ich hole eine kleine Dose aus dem Wohnmobil und einen Löffel und ich beginne zu graben. Ein Loch. Ich brauche Erde. Heimaterde. Für das Grab meiner Oma. Ich möchte ihr ein Stück ihrer alten Heimat bringen. Auch wenn es vielleicht völlig sinnlos erscheinen mag. Ich möchte ihr etwas von dieser Reise mitbringen. 

Ich bin so beschäftigt, dass ich gar nicht merke, dass sich eine ganze polnische Familie hinter mir versammelt hat. Es sind die Nachbarn. Am Gartenzaun. Erst als sie mir unverständliche Worte auf Polnisch zurufen, drehe ich mich um. Ohje... Gibt das jetzt Ärger?

Nein! Miroslaw und seine Frau Urszula wollen mir nichts Böses. Sie sind nur verwundert. Und höchst interessiert. Mit Händen und Füssen, einem polnischen Bilder-Wörterbuch und der Hilfe von Urszulas Schwester Kamila, die über Handy zugeschaltet ist und Deutsch spricht, erkläre ich, was ich hier tue. Ich zeige Bilder meiner Oma, rede über den Brauch der Heimaterde und merke, wie Miroslaw und Urszula plötzlich still werden. 


Dann macht Urszula eine eindeutige Handbewegung. Einmal um das Grundstück herum kommen soll ich. Rein kommen. Zu ihnen. In den Garten. Eine Einladung? Wow! Ich bin überwältigt. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Erst recht nicht mit dem, was noch kommt als ich bereits im Garten sitze. Einer fährt los, kommt mit Kuchen und Cola wieder. Urszula schreibt mir die Namen ihrer Familienmitglieder auf, macht Kaffee, tut alles, damit ich mich wohl fühle. Und plötzlich führt Miroslaw eine Dame aus der Nachbarschaft an den Tisch heran. Sie heißt Irena und wurde 1959 hier geboren - als Niederschlesien bereits zu Polen gehörte. Doch ihre Eltern waren keine Polen. Irena ist die Tochter Deutscher, sie spricht hervorragend Deutsch und: sie weiß eine Menge!

Die Wahrheit über früher und heute

Ich erfahre, dass ich das richtige Haus fotografiert habe. Martinwaldau Nr. 5, das ehemalige Haus meiner Oma, ist heute Szczytnica Nr. 5. Es sind die gleichen Mauern, in denen meine Oma wohnte. Nur wurden sie im Laufe der Jahre ein wenig renoviert. Und eigentlich war das Grundstück früher doppelt so groß. Es gehörte noch ein zweites Gebäude dazu. Allerdings wurde die Fläche von Martinwaldau Nr. 5 in den 1950er Jahren geteilt und gehört nun zwei unterschiedlichen Besitzern.

Weder Miroslaw, noch Urszula, noch Irena kannten meine Oma oder ihre Großeltern, bei denen sie aufwuchs. Doch sie erzählen mir die Geschichten, die sie selbst einmal hörten - über ein "lediges Kind", das hier einst lebte. Und Irena kennt den Familiennamen meiner Oma: "Scholz". Denn er ist auch Teil ihrer Familiengeschichte. Ob wir miteinander verwandt sind? Irena will es nicht ausschließen. 

Alle Beteiligten am Gartentisch wissen, dass 1945 schreckliche Dinge in Martinwaldau passiert sind. Nur aussprechen mag es keiner. Wir wissen: wir sind eine andere Generation! Miroslaw und Urszula sind nicht die "mordenden Polaken", die Oma hasste. Ich war nicht - wie meine Oma - bei Hitlers Bund Deutscher Mädel. Ich zog nicht mit wehenden Fahnen für einen psychopathischen Führer durch die Lande. Und Irena ist nicht die Tochter von Heimatvertriebenen. Ihre Eltern blieben trotz dem Vorrücken der Roten Armee 1945 in Niederschlesien. Sie blieben auch als Niederschlesien Polen wurde. Eine Entscheidung, die ebenfalls möglich war, von der mir bis dato nur niemand berichtet hatte.

Als ich den Garten von Miroslaw und Urszula am Abend wieder verlasse, spüre ich einen tiefen Frieden in meiner Seele. Was heute hier passiert ist - das war so unerwartet und magisch, dass ich mich für den Rest meines Lebens daran erinnern werde. Ich halte die Heimaterde für das Grab meiner Oma in meinen Händen, nehme jedoch noch etwas viel Wertvolleres mit - für mich. Ich habe in Szczytnica Freunde gefunden, herzliche und liebenswerte Menschen, mit denen ich verbunden bleiben möchte. Ein wenig Polnisch sollte ich vielleicht noch lernen. Das wäre nicht schlecht. Wie das gehen soll, weiß Miroslaw auch schon. "Komm im Herbst und hilf mir bei der Ernte. Dann lernst Du schon Polnisch. Und ich lerne vielleicht ein bisschen Deutsch" - übersetzt Irena für mich.  

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Kommentare: 1
  • #1

    pepperanni (Mittwoch, 29 Juni 2016 07:51)

    Beim Lesen kommen mir die Tränen. Es ist irgendwie traurig aber auch wunderschön. Wunderbar erzählt räumt es auch mit allerhand Vorurteilen auf.

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