Schönheit, Armut und Müll

Curacao - Karibikinsel mit zwei Gesichtern

Klarer, heller Sonnenschein blitzt auf die Flügel unseres Airbus als wir auf Curacao zusteuern. Was wir unter uns sehen ist trockenes Land, Gestrüpp, Kakteen. Und Wasser. Beeindruckendes Wasser. Mit unglaublich weißen Stränden. Was wird uns erwarten? Eine Insel mit zwei Gesichtern?

Ein klimatisierter Bus karrt uns durch die Mittagshitze - vom Flughafen nach

Jan Thiel Beach. Es sind vielleicht 30 Kilometer, aber es fühlt sich nach mehr an. Die Strassen sind staubig und nicht besonders gepflegt.

 

Wir fahren durch ein Viertel mit einfachen Häusern. Die Fassaden haben teilweise keine Fenster, doch die Wohngebäude sind von hohen Mauern umgeben. Gitter, Stacheldraht, Alarmanlagen. Im Bus redet eine Frau wie wunderbar Curacao sei und wie toll die Hauptstadt Willemstad. Leider mag von ihrer Eurphorie erst einmal kein Funke auf uns überspringen. Was wir vom Bus aus sehen, macht uns eher skeptisch.

 

Als wir über eine große Brücke an Willemstad vorbei donnern, sehen wir eine Reihe bunter Handelshäuser. Ein großes Passagierschiff bahnt sich seinen Weg durch die Schneise am Hafen. Joa. Nett!

 


Als wir nahe Jan Thiel Beach ankommen, ist schnell klar, dass wir hier an einem der "besseren" Örtchen der Insel gelandet sind. In der Nähe ist ein großer Yachthafen. Und was sofort auffällt: in so manch kleinen Küstenort, der hier angrenzt, kommt man wegen seiner bevorzugten Lage nur mit Ausweispapieren hinein. Unser Haus liegt an einem Hang. Wir können das Meer wunderbar überblicken. Rund um unsere Veranda gibt es mehrerer kleiner Nebengebäude. Dutzende Menschen sind damit beschäftigt, die tropische Gartenlandschaft in Bestform zu erhalten, schneiden hier, kehren dort, bewässern und pflanzen. Ja, das ist tatsächlich ein paradiesischer Ort.

"Wir wollen das echte Leben sehen. Nicht das, was sie uns vorzeigen."

Als Erstes nehmen wir uns die Hauptstadt vor. Willemstad - türkisblauer Hafen an bunter Häuserreihe. So zeigt uns die Curacao App die Gegebenheiten an. Doch die Realität ist viel schmuckloser. 

Der schwimmende Markt im Zentrum ist eher ein Trauerspiel heimischer Bauern, Händler und Gemüseverkäufer. Die Stände überladen. Die Gesichter unglücklich. Sie wollen und müssen verkaufen. Und Touristen scheinen ja Geld zu haben.

Überall, wo wir an diesem Tag in Willemstad aufschlagen, wird uns klar, dass das echte "Afrikaanse Leben" ziemlich hart sein muss. 

Wie man sich als Tourist hier wohl fühlen kann, können wir nicht verstehen. Die Armut lugt aus allen Ritzen der vollgefrachteten Klappertische am Runden Markt. Kräuterhexen-Elixiere, einfache Sandalen, Armbänder, ein wenig karibischer Glitzerschmuck. Nein, hier wird nicht viel Hochwertiges produziert. Viele Menschen leben hier mit sehr wenig Einkommen.

Als wir die Stadt über Otrobanda verlassen, passieren wir ein völlig verwaistes Mega-Kaufhaus. Sambil. Es wird als die "Zukunft Curacaos" beworben. Doch nicht zwei Menschen halten sich in dem stadiongroßen Gebäude auf. 


Magisches Cas Abao

Das Landesinnere der Insel ist in staubiges Mint- und Dunkelgrün getaucht. Viele Hecken, Sträucher, Dickicht, Kakteen - und auch Berge. Die Strassen sind längst nicht überall asphaltiert. Wir sind froh, dass wir einen Suzuki Grand Vitara fahren und nicht auf jedes Schlagloch achten müssen. Unser Ziel ist ein großes Binnengewässer im Westen der Insel. Der Salzsee dampft unter der Sonne als wir ankommen. Und diese Mal hat unsere Curacao-App recht: hier gibt es Flamingos!

Die Flamingos und Williwood sind Highlights auf Curacao. Ein verlässliches Ziel, ein gut planbarer Ausflug. Nur muss man wachsam sein. Nichts im Auto liegen lassen. Nicht einmal eine Sonnenbrille. So waren die Worte der Agentin, die das Auto für die Mietzeit übergab. 

Am Wegesrand sehe ich immer wieder Scherben von eingeschlagenen Autoscheiben. Ja, hier knallt es wohl öfter. Man wäre verrückt, würde man das Auto längere Zeit einfach so hier parken.



Als Höhepunkt des Tages steht Playa Abao auf dem Plan. Ein Naturstrand an der süd-westlichen Küste. Durch Gestrüpp und eine Schotterstrasse geht es zur Küste hinunter. Die Strasse ist lang und voller Steine und Löcher. Am Ende: eine Baumreihe. Und dahinter: das Cas. Ein malerischer Strandabschnitt mit Palmen, Liegen und Restaurant. Natürlich kostet so etwas Eintritt. 5-10 Nafl. pro Auto.  

Das Meer ist an dieser Stelle glasklar. Sand und Korallen schimmern durch das hellblaue Wasser an die Oberfläche.

 

Mit der Schnorchelmaske auf dem Gesicht erkennt man auch kleine Fische. Weiße, gelbe, gepunktete und gestreifte. Die sind aber recht scheu. Cas Abao ist ein Ort, den man am besten vom Wasser aus genießt. Für den Ausklang eines ereignisreichen Tages gerade richtig. Schön ist es hier!

 

 


Die Insel der Insel: Klein Curacao

Es ist 8.30 Uhr morgens als uns die Limousine zum Yachthafen abholt. Wir haben uns vorsorglich ein paar Pillen eingeworfen. Reisekrankheit kann keiner gebrauchen. Leicht benommen schippern wir zum Boot und dann auf's Meer hinaus. Etwa 15 Kilometer östlich von Curacao liegt Klein Curacao. Viele nehmen den Katamaran, um zur vorgelagerten Insel zu kommen. Doch der Wellengang bei diesem Kurs kann heftig ausfallen. Deshalb setzen wir lieber mit einem stämmigen Schiff über. Zwei Stunden auf See. 

Schön ist was anderes. Trotzdem reisen wir mit einem breiten Grinsen. Die Tabletten sind gut...


Das Schiff kommt nur 50 Meter an das Ufer von Klein Curacao heran. Das letzte Stückchen bis zum Strand bringt uns ein Motorboot. Manche springen ins Wasser. Ich nicht. Ich fühle mich mit etwas Gummi unter dem Hintern ganz wohl. Bis eine dicke Welle von hinten kommt und mich halb hinaus spült... Das Wasser ist warm und dann plötzlich kalt. Bäh! Na dann herzlich willkommen!

Die Insel ist vollkommen trocken und der hochglänzend heißen Sonne hingegeben. Tag für Tag. Der Sand ist über alle Maßen weiß. Das Meer über alle Maßen blau. Doch Schatten gibt es kaum. 

Wir marschieren einfach los. Immer rechts den Strand entlang bis der weiße Sand von großen Küstensteinen abgelöst wird. 

Hier springe ich ins Wasser.

Bis auf die Schnorchelmaske lasse ich alles im Sand zurück. 

 


Das salzige Meer trägt mich wie von alleine, doch ich will etwas tiefer gehen. Am Grund habe ich etwas entdeckt. Es bewegt sich durch das schimmernd klare Wasser. Eine Wasserschildkröte, die nach Nahrung sucht?

Ich tauche näher heran! Ja, es ist ein rund 30 Zentimeter großes Tier, vermutlich noch sehr jung. Und jetzt hat sie mich auch entdeckt. Sie paddelt sofort los. Erst hoch, dann runter, dann wieder hoch. Luft schnappen an der Wasseroberfläche. Sie sieht mich an. Ich muss ganz schön doof aussehen mit meinem roten Gesicht, das von der Taucherbrille eingequetscht wird. Besser wir tauchen wieder unter.

Sie nimmt mich mit unter Wasser. Ich folge ihr. Sie ist schnell unterwegs, scheint ihren Weg aber gut zu kennen. Immer wieder hält sie kurz inne und wirft einen Blick auf mich. 

Ich möchte nur eins: sie auf einem meiner Bilder festhalten. Ich mache mir schon minutenlang keine Gedanken mehr, wo ich bin und welche Richtung wir schwimmen. Ich bin nur damit beschäftigt, meine Kamera ungefähr in die richtige Richtung zu halten. Auf sie. Die Sonne scheint so steil auf das Wasser, dass ich auf meinem Display nichts erkennen kann. Ich fotografiere rein nach Bauchgefühl. Ich sehe nichts!

Das Spielchen geht noch eine Weile, dann fällt mir auf, dass der Meeresgrund schon länger nicht mehr zu sehen ist. Schnell nach oben. Maske runter. Wo ist der Strand?


"Ohje... Der Strand sieht verdammt weit weg aus."


Plötzlich ist die Schildkröte nicht mehr wichtig. Die Kamera baumelt um meinen Hals. Die Wellen schlagen von links und rechts auf mich ein. Jetzt muss ich gleich richtig Gas geben. Das ist mir klar. Und keine Pausen machen. Pausen sind Gift.

Ich beginne zu strampeln, mein Blick auf den Strand gerichtet. Auf einmal komme ich mir furchtbar ungelenk vor. Es geht gar nicht vorwärts. Ich trete auf der Stelle. 

Ich stülpe mir die Taucherbrille über und versuche es mit langen Zügen unter Wasser. Ich merke, wie ich vorwärts komme, aber auch, wie über mir Wind und Wellen toben und ihr eigenes Gefecht austragen. Sie ziehen mich mit hinein. Und ich kämpfe mich mit jedem Zug wieder hinaus. Wie lange kann ich eigentlich die Luft anhalten?

Nach oben, kurz Luft schnappen, wieder runter. Weiter kämpfen. Die Strömung ist verdammt fies. Und ich darf auf keinen Fall aufgeben. Ich habe keine andere Wahl. Und ja, es stimmt. Ich bringe mich oft in solche Situationen. Adrenalin. Du bist meine Droge.

Der Regen und das echte Leben

Als der SUV am nächsten Morgen anspringt, hat es sich gerade etwas eingeregnet. Es ist November. Regenzeit auf Curacao. Die letzten vier Tage hatten wir herrlichen Sonnenschein. Doch in der Nacht zog ein heftiger Sturm über die Insel und die Nachwehen dauern noch an.

Wir steuern Richtung Christoffelpark. Die ersten Riesenpfützen haben sich auf der Strasse gebildet. Es macht unheimlich Spaß, da durch zu brausen. Links und rechts spritzt das Wasser meterhoch vorbei. 


Bald wird uns klar, dass Regen hier eine andere Dimension einnehmen kann als in unseren Breitengraden. Innerhalb kürzester Zeit prasseln Wassermassen auf die Erde nieder. Strassen und Wege sind darauf nur bedingt vorbereitet. Innerhalb weniger Stunden entstehen kleine Seen in Wohngebieten und tiefe Gräben an den Fahrbahnen. Glücklich, wer mit einem Allradfahrzeug unterwegs ist. Doch aufpassen muss man trotzdem. In vielen Löchern ist das Wasser mittlerweile so hoch, dass es leicht in den Auspuff laufen könnte. 

Curacao ist trist an Tagen wie diesen. Zwar ist es noch warm, man könnte baden gehen. Doch der Starkregen spült unheimlich viel Unrat durch die Gegend. Wir finden es schade, dass eine Naturbucht wie Ascension, zu der wir uns über steile, vermatsche Wege hinab quälen, voller Müllberge ist. Ein Teil wird sicher vom Meer angeschwemmt. Plastikbecher, Verpackungen, Glas. Doch muss das da so liegen bleiben?

Zwischen dem Unrat bahnt sich ein Blaureiher seinen Weg, auf der Suche nach kleinen Fischen. Ein merkwürdiger Ort. So recht können wir mit ihm nicht warm werden, obgleich er wie kein anderer für die Natur und Ursprünglichkeit der Insel steht.

Vielleicht erwarten wir West-Europäer zu viel. Verschmutzung der Weltmeere, CO2-Ausstoß und Klimawandel gehen uns alle etwas an. Nur hat man das man das Gefühl, in Curacao ist das noch nicht angekommen. Hier hat man andere Sorgen.

Das Land könnte Hilfe gebrauchen. Freiwillige, die das Schützenswerte der Insel erkennen und erhalten.

 


Über Christoffelpark nach Westpunt


Langsam setzt Hang_Loose ein. Wir frühstücken lange auf der Veranda. Ein Zuckerdieb und seine Gefolgschaft leisten uns Gesellschaft. Abhängen geht gut auf Curacao. Wenn Kolibris, Echsen und eine Hauskatze um einen herum schwirren, sieht die tropische Gartenlandschaft wunderschön aus. Wo uns unsere nächste Entdeckungstour auf der Insel wohl heute hin verschlagen wird?

Wir fahren westwärts, Richtung Westpunt, die Augen rechts und links der Strasse. Jede Abzweigung könnte unsere seine. Oder auch nicht. Wir entscheiden nach Gefühl. Und immer drauf los.

Bewegung ist Freiheit. 

 

Über das Reichenviertel verlassen wir Ost-Curacao und fahren erst mal ein langes Stück in nördliche Richtung. An den Küstenabschnitten haben sich kleine Dörfchen gebildet. Oft mit Landhaus. Die hübsch gemachten Häuschen leuchten schon von weitem. Dazwischen sind leider auch ziemlich herunter gekommene Gemächer. Wir sind nie sicher, wo wir eigentlich genau sind.

 

Nach etwa einer Stunde erreichen wir den Christoffelpark nahe Nord- und Westpunt. Das Meer ist hier rau und raubt der Insel Land. Mit jedem Wellenschlag.

Nach einer Kurve taucht rechts vor uns der Christoffelpark auf. Zumindest einer von zwei möglichen Zugängen. Jetzt müssen wir uns entscheiden. Zahlen wir Eintritt für die blue route - der Parkteil am Meer. Oder nehmen wir die green route - um den Tafelberg herum. 

Wir bleiben dem Meer treu und hoffen auf eine Brise. 

Die schmale, unbefestigte Strasse führt entlang hoher Kakteen zu mehreren Aussichtsplattformen, die teilweise einen Ausblick bis nach Shete Boka bieten. Die unterhöhlte Küste im Norden ist ein gewaltiges Naturschauspiel.


Leider ist die rote Erde in der landwärtsgelegenen Seite des Christoffelparks wahnsinnig heiß und trocken. Jede, noch so kleine Wanderung kostet enorme Kräfte. 2-3 Liter Wasserverbrauch sind normal bei einem halbtägigen Ausflug, um nicht zu dehydrieren.

Wir haben keine Angst vor Leguanen und Echsen. Und das ist auch ganz gut so. Denn sie sind ständig da. Auf jedem Weg, den wir einschlagen, sitzen sie schon. Sie hängen an Kakteen, verstecken sich in Büschen und Hecken, klettern auf Bäume und Mauern. 

 

Oft marschieren sie mit Drohgebärden auf uns zu und blasen sich dann kurz vor unseren Füssen auf. Der Schwanz schwebt schwungbereit über der Erde. Doch eigentlich haben sie Angst. Sie wissen, wir sind groß und unheimlich. Nach kurzem Anstarren treten sie den blitzschnellen Rückzug an. Man verliert sie dann leicht aus den Augen, doch wir schicken trotzdem unsere Blicke mit. Es ist uns schon dutzende Male auf Curacao gelungen, Leguane und Echsen in beeindruckenden Szenarien zu fotografieren. Ohne ein einziges zu inszenieren. Diese Tiere werden wir immer mit dieser Antillen-Insel verbinden.

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Wir freuen uns!

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Kommentare: 1
  • #1

    Alfons van Essen (Donnerstag, 24 Dezember 2015 08:33)

    Wirklich ein sehr interessanter Reisebericht. Schöne Bilder waren natürlich klar.

    Meine Frau und ich verreisen gern nach Asien. Thailand.

    Schöne Grüße Alfons van Essen

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